Vortragsveranstaltung mit Peter Wald und Bernd Steger

„In Ausschwitz gab es keine Engel!

Mittwoch, 18. November 2015, 17.30 Uhr
Freizeitheim Linden,Windheimstraße 4,

30451 Hannover




Buchpräsentation

Peter Wald stellt das neue Buch über seinen Vater vor und liest daraus

Mittwoch, 19. März 2014, 19.30 Uhr
Buchhandlung Leuwer, Am Wall 171, 28195 Bremen

Begrüßung: Klaus Plückebaum
Einführung: Hans Koschnick
Musikalische Umrahmung: Helmut Donat

 

Eduard und Peter Wald: Auf halbem und auf ganzem Wege
Der lange Marsch eines deutschen Sozialisten zur Demokratie (1905-1978)
Donat Verlag, 208 Seiten, 51 Abbil., Hardcover, 14.80 € – ISBN 978-3-943425-36-9




Von Aurelia Torgau zu Orli Wald – eine Lebens- und Leidensgeschichte

Unsere Aufmerksamkeit gilt einer Frau, die am 1. Juli 1914 in Bourell bei Maubeuge in Nordfrankreich geboren wurde. Das Mädchen, das sechste Kind in der Familie Torgau, erhielt den Namen Aurelia, also Morgenröte. 31 Tage nach der Geburt Aurelias begann der Erste Weltkrieg. Das Kind bekam in der Familie den Kosenamen Orli. Vater August Torgau, ein Lokomotiv-Mechaniker, war von den deutschen Humboldwerken aus Trier nach Frankreich entsandt worden. Obwohl Mutter Maria Torgau der Herkunft nach Französin war, jedoch einen deutschen Pass besaß, wurden alle acht Mitglieder der Familie bei Kriegsausbruch sofort in einem französischen Lager isoliert. Im Sommer 1916 schafften die französischen Behörden Maria Torgau mit ihren sechs Kindern außer Landes nach Trier. Dort gerieten sie in ein Elendsdasein. Ihr Leben verbesserte sich erst, als 1919 auch Vater Torgau nach Trier zurückkehren konnte. Er fand Arbeit in der Eisenbahnhauptwerkstatt. 1923 wurde August Torgau als Anführer eines wilden Streiks von der Reichsbahn entlassen. Die Entlassung ging einher mit dem Verlust des Wohnrechts in einer Eisenbahner-Wohnung.

Als Hitler im Januar 1933 zur Macht kam, gehörten die Torgaus zu den bekanntesten Kommunisten in Trier. Aurelia, nun auch von Freundinnen und Freunden Orli gerufen, war damals 18 einhalb Jahre alt und Mitglied der KPD-Jugendorganisation. Sie beteiligte sich von 1933 bis 1936 am Untergrund-Widerstand gegen die brutale Diktatur der Nazis. Orli schmuggelte aus Luxemburg anti-faschistische Flugblätter und Hitler-kritische Schriften nach Trier. Gewissermaßen nebenbei, im August 1935, heiratete sie den Bauarbeiter Fritz Reichert. Die Ehe erwies sich als ein Fehlschlag.

Im März/April 1936 wurden die meisten Mitglieder einer Jugend-Untergrundgruppe in Trier, darunter auch Orli, von der Gestapo verhaftet. Die Angeklagte Orli Reichert erhielt vier Jahre und sechs Monate Zuchthaus zudiktiert. Während sie im Zuchthaus Ziegenhain Zwangsarbeit leistete, wurde ihre Ehe geschieden. Fritz Reichert hatte vor Gericht erklärt, die Weiterführung der Ehe sei unzumutbar, „da er sich seiner heutigen Gesinnung nach zum Nationalsozialismus bekenne“. Im Dezember 1940 war die vom sogenannten Volksgericht verhängte Haftzeit abgelaufen. Orli war jetzt 26 Jahre alt – jung genug, um ein neues Leben in relativer Freiheit zu beginnen. Doch am Ende des zweiten Kriegsjahres wurden politische Gefangene kaum noch in die relative Freiheit entlassen. Orli fand sich in Deutschlands größtem Frauen-KZ, in Ravensbrück, wieder. Sie blieb dort rund 15 Monate.

Im März 1942 wurden etwa 1000 Häftlingsfrauen, darunter Orli, aus Ravensbrück nach Auschwitz überführt. Im Stammlager Auschwitz war gerade eine Frauenabteilung eröffnet worden. Die Gruppe aus Ravensbrück sollte dort das Krankenrevier aufbauen. Im August 1942 wuchs die Zahl der im Stammlager registrierten Frauen auf fast 17.000. Um Platz im Stammlager zu schaffen, ordnete die Lagerführung ebenfalls im August 1942 die Verlegung aller Frauen in den Abschnitt Birkenau an. Dort war ein Lager im Aufbau, also keineswegs fertiggestellt. Der Mangel an Infrastruktur in Birkenau und die schon ausgebrochenen Seuchen führten zu katastrophalen Verhältnissen. Das Krankenrevier war für die meisten Patientinnen nur eine Station auf dem Weg in den Tod.

Im Frühjahr 1943 wurde Orli von der SS zur Lagerältesten des Krankenbaus in Birkenau bestimmt. Ab nun musste sie zwischen dem Zwang, Befehlen der SS zu gehorchen, und dem Drang, möglichst vielen Kameradinnen zu helfen, ständig abwägen. Unter schwierigsten Umständen konnte sie in zahlreichen Fällen Häftlingsfrauen vor dem Tod bewahren. Etwa Mitte 1944 erreichte die industriell organisierte Vernichtung von Menschen, an erster Stelle Juden, in Auschwitz den Höhepunkt. Dabei stand die Sowjetarmee nur noch rund 200 km von den Lagern entfernt. Doch die Befreier verharrten an den Ufern der Weichsel, ließen den polnischen Aufstand in Warschau von den Deutschen niederschlagen. Erst am 18. Januar 1945 begann, dicht vor den heranrückenden Sowjetruppen, der Abmarsch von über 9000 Frauen aus Auschwitz-Birkenau in Richtung Westen. Die Überlebenden des Gewaltmarsches, darunter Orli, erreichten Ravensbrück am 28. Januar.

Orli wurde in das Ravensbrück-Nebenlager Malchow eingewiesen. Ende April 1945, Berlin war schon fast ganz in sowjetischer Hand, gelang ihr und einer Gruppe anderer Frauen die Flucht aus dem kaum noch bewachten Nebenlager. Wenige Tage später wurden diese Entflohenen von Sowjetsoldaten aufgegriffen. Am 20. Mai 1945 erreichte Orli Berlin-Pankow. Ehe sie sich dort integrieren konnte, brach ihre Tuberkulose-Erkrankung voll aus. Sie wurde in ein Sanatorium im Harz, damals sowjetische Besatzungszone, eingewiesen. Im Herbst 1946 kam der Redakteur Eduard Wald aus Hannover in dasselbe Sanatorium. Es entstand eine Diskussionsgemeinschaft zwischen Eduard Wald, Orli und anderen Leidensgefährten.

Zurückliegende Mängel und Fehler der Politik der KPD waren ein Thema. Auch über die neue Verfolgung von Sozialdemokraten in der Sowjetzone wurde gesprochen. Orli, die selbst schmerzhafte Erfahrungen hatte machen müssen, stellte die Vergewaltigung zahlreicher deutscher Frauen beim Einzug sowjetischer Truppen zur Diskussion. Damals wurden Eduard Wald und Orli Torgau, geschiedene Reichert, ein Ehepaar.

Gemeinsam mit Eduard Wald gelangte Orli im März 1948 nach Hannover. Beide lösten im Herbst desselben Jahres ihre Verbindung zur KPD. Aus Kreisen der hannoverschen KP wurde bald darauf das verleumderische Gerücht gestreut, die Auschwitz-Überlebende Orli Wald hätte sich wieder von Eduard Wald getrennt.




Zwanzig Jahre Förderverein Medizinisches Zentrum Beit Sahour

Eine Vereinsgründung braucht ihre Zeit. In den Unterlagen des Frühjahrs 1992 gibt es mehrere Daten der Vorbereitung. Zum Beispiel fanden schon im Dezember 1991 sondierende Sitzungen statt. Am 20. März 1992 wurde der Satzungsentwurf fertig, am 23. März meldete eine Lokalzeitung die Gründung des Vereins. Wir heutigen Mitglieder können uns aber getrost auf den 28. 3. 1992 festlegen, denn an dem Tag wurde der Ver-ein amtsgerichtlich anerkannt.

Kommen wir auf den erwähnten Zeitungsbericht vom 23.3. 1992 zurück. An dem Tag meldete das Blatt „Die Harke“, Tageszeitung für den Landkreis Nienburg: „Neuer Verein will ambulante Klinik in Israel unterstützen“. Der dann folgende Berichtstext begann mit den Worten „der israelische Arzt Dr. Majed Nassar leitet seit 1988 eine ambulante Klinik in Beit Sahour in der Nähe von Bethlehem“. So wenig wusste damals eine Lokalredaktion von den Gegebenheiten im Spannungsfeld Israel/Palästina, dass sie Bethlehem/Beit Sahour in Israel vermutete und den Leiter einer dort praktizierenden Klinik als „israelischen Arzt“ einordnete. Die Gründerinnen und Gründer durften sich unter den Umständen darin bestätigt fühlen, dass es richtig war, den Verein nicht nur dem Sammeln von Spenden für das Medizinische Zentrum in Beit Sahour / Palästina gewidmet zu haben. Vielmehr hatten sie sich auch von Anfang an vorgenommen, in der deutschen Öffentlichkeit über die Verhältnisse vor Ort, über die verhängnisvollen Auswirkungen des israelischen Besatzungsregimes in Rest-Palästina aufklärend zu wirken.

Es waren 11 Personen, Freundinnen und Freunde des palästinensischen Arztes Majed Nassar, die im März 1992 den Verein gründeten. Sie kannten Majed schon länger, denn der hatte 17 Jahre lang an verschiedenen Universitäten Deutschlands studiert und 1987 das Studium als Facharzt abgeschlossen. Wie so mancher andere erfolgreiche aus-ländische Akademiker, hätte gewiss auch Dr. Majed Nassar, Internist, in Deutschland bleiben, hier arbeiten und wesentlich komfortabler leben können als in seiner krisen-geschüttelten Heimat. Doch es war gerade die erste Intifada, der palästinensische Auf-stand gegen die damals 21 Jahre alte Besatzungsherrschaft, in Gang gekommen. Majed Nassar wollte zuhause helfen und kehrte nach Beit Sahour zurück. Unterstützt vom ört-lichen Gesundheits-Komitee, gründete der heimgekehrte Facharzt eine Ambulanz. Rund vier Jahre später begann der Förderverein das inzwischen gewachsene Medizinische Zentrum Beit Sahour mit Spenden zu unterstützen.


Die beiden Chefärzte Dr. Raouf Azar und Dr. Majed Nassar vor der Ambulanz

Stark beeinflusst wurde der Förderverein in den ersten Jahren seines Bestehens durch Regina Andresen, Fachlehrerin für Bürokommunikation. Wie viele Deutsche der Generationen nach dem zweiten Weltkrieg, hatte auch Regina zuerst Israel besucht und dabei nach und nach die Palästinenser entdeckt. Lange vor der Vereinsgründung war sie dann mit einem Koffer voller gespendeter Medikamente über Israel nach Beit Sahour gereist. Damals war die von Dr. Majed Nassar gegründete Ambulanz gerade eröffnet worden, doch hatte sie unter ihren Patienten schon junge Palästinenser, denen die Beine weggeschossen worden waren – im Verlauf des von palästinensischer Seite gewaltlos begonnenen Aufstands gegen die Politik der israelischen Besatzungsmacht. Solche Erfahrungen bestärkten Regina Andresen und ihre Mitstreiter in dem Vorsatz, für eine Lösung des Konflikts einzutreten, die den Menschen im Gaza-Streifen und im Westjordanland Frieden und Bewegungsfreiheit, volle Souveränität über die Gestaltung ihres Lebens und Sicherheit vor dem Zugriff ihres Besitzes durch eine Besatzungsmacht bringen würde. Jahre später sollten solche Zielsetzungen von der Politik als „Zwei-Staaten-Lösung; Israel und Palästina“ präzisiert werden.

Es gab Perioden, da war es Majed Nassar in seiner begrenzten Urlaubszeit möglich, die Freundinnen und Freunde in Deutschland wieder zu besuchen. Solch ein Besuch fand zum Beispiel Ende 1991 statt. Dies war der Impulsgeber für die drei Monate später erfolgende Gründung des Fördervereins. Der Klinikgründer warb aber damals nicht nur für sein Projekt, sondern hielt auch Vorträge über den Alltag in Rest-Palästina unter einem Besatzungsregime, das die fortwährende Landnahme durch den Bau neuer israelischer Siedlungen förderte. Namhafte Zeitungen, darunter die Hannoversche Allgemeine, berichteten in langen Artikeln über Dr. Nassars Darlegungen. Der Evangelische Kirchentag im Sommer 1993 war eine Gelegenheit, die Majed Nassar abermals nach Deutschland führte. Es war der denkwürdige Besuch, bei dem es in Talk-Show „III nach 9“ von Radio Bremen zu einer Begegnung zwischen dem palästinensischen Arzt und Ignatz Bubis, dem damaligen Vorsitzenden des Zentralrates der Juden in Deutschland, kam. Wenn auch kein Meinungs-Konsens zustande kam, so war immerhin ein gemeinsames öffentliches Auftreten und eine sachliche Auseinandersetzung der Kontrahenten möglich gewesen.

Seine Weihnachtsbotschaft 1998 an den Förderverein nutzte Dr. Nassar, um eine Bilanz über die zehnjährige Klinikarbeit und die seit sechs Jahren geleistete Solidarität durch unseren Verein zu ziehen. In seiner damaligen Botschaft an die Vereinsmitglieder und Unterstützer hieß es: „Seit der Gründung der Klinik 1988 sind wir einen langen Weg zusammen gegangen. SIE standen uns zur Seite während der schweren Zeit der Intifada. SIE haben uns durch ihre moralische und finanzielle Unterstützung geholfen. Wir haben eine Klinik gebaut in Zeiten, wo es unmöglich erschien. Wir haben die Klinik zum größten ‚medical center‘ in unserem Gebiet aufgebaut, in Zeiten der Unterdrückung und der Hoffnungslosigkeit. Wir stehen jetzt stärker da, stabiler, größer und kraftvoller. Durch Ihre Hilfe war es uns möglich, unsere Patientenzahl von 36.000 im vorigen Jahr auf über 60.000 in diesem Jahr zu erhöhen. 1998 war es uns möglich, 80 Prozent unserer laufenden Kosten selbst zu decken, obwohl wir unserem Prinzip treu geblieben sind: kein armer oder gar mittelloser Patient wird von der Klinik abgewiesen. Der Erfolg für unsere Klinik zeigt sich darin, dass wir in diesen 10 Jahren ständig die Qualität der medizinischen Versorgung unserer Patienten verbessern konnten.“

Rund zwei Jahre nach dieser Weihnachtsbotschaft des Klinikgründers erreichte die zweite Intifada, der palästinensische Verzweiflungsaufstand gegen die Besatzungsmacht, auch das Städtedreieck Beit Jala, Bethlehem und Beit Sahour. Majed Nassar meldete in einer e-mail vom 10.11. 2000: „Letzte Nacht bombardierten Combat Helikopter und israelische Panzer Beit Sahour für mehrere Stunden. Niemand wurde getötet, ‚lediglich‘ Häuser wurden zerstört. Die Israelis begründeten das folgendermaßen: ‚Jemand hat das Israeli Camp im Osten Beit Sahour’s beschossen‘. Und heute?....Heute kamen zwei palästinensische (Polizei)- Offiziere, um sich die Zerstörung anzusehen. Zwei von einem Combat Helicopter abgeschossene Raketen trafen ihre Autos und töteten einen der Offiziere auf der Stelle; der andere wurde schwer verletzt. Außerdem wurden zwei Frauen aus der Nachbarschaft, die sich zufällig in der Nähe der Autos befanden, getötet.“

Seit jenen düsteren Tagen der Gewalt und Gegengewalt (2000 bis 2003 war auch die Zeit der palästinensischen Selbstmordanschläge in Israel) sind wieder elf Jahre vergangen. Der Klinikgründer und Chefarzt Dr. Majed Nassar bekam von der Besatzungsmacht ein Ausreiseverbot aus dem Westjordanland und die Zahl der israelischen Siedler im West-jordanland plus Ost-Jerusalem erreichte eine halbe Million. Obwohl weniger als 10 km von Jerusalem entfernt, sperrte die Besatzungsmacht ab 2001 fast alle Bewohner der Region vom Besuch der Stadt, von ihren Dienstleistungen und ihren Arbeitsplätzen aus. Die Anteilnahme der Mitglieder und Unterstützer des Fördervereins am Schicksal der Menschen in Palästina und Israel konzentrierte sich deswegen weiter auf Beit Sahour am Hirtenfeld. Als dort Israel den Bau einer neun Meter hohen Sperranlage begann, waren Förderinnen und Förderer mit Majed Nassar einer Meinung: jetzt sei es an der Zeit, die Ambulanz, die Tagesklinik durch ein vollständiges Krankenhaus zu ergänzen.

Im Jahr 2001 wurde der Bau des neuen Krankenhauses begonnen. Die Förderinnen und Förderer in Deutschland verstanden es, dass die steigende Patientenzahl eine größere Zahl an Zimmern und Betten für die post-operative Behandlung der Operierten erforderlich machten. Ebenso ließen es die in jener Zeit häufig vom israelischen Militär verhängten Ausgangssperren notwendig erscheinen, einen Zufluchtsort für Behandelte und Krankenhausmitarbeiter zu schaffen, die im Ausnahmezustand nicht mehr in die eigenen Wohnungen gelangen konnten. Die Mitglieder und Unterstützer des Fördervereins dürfen stolz darauf sein, in den bisher elf Jahren Bauzeit mit Spenden in Höhe von rund 150.000 € geholfen zu haben.


Viele Arbeitsplätze für Frauen im neuen Krankenhaus

Elf Jahre sind eine lange Bauzeit. Aber man muss sagen, dass es ein Wunder war, als nach der Planungsphase die Bauarbeiten wirklich begannen. Es stand in Beit Sahour damals fast kein Eigenkapital zur Verfügung. Für das Großprojekt Krankenhaus mussten ausländische Förderer gefunden werden, auch solche der internationalen Entwicklungs-hilfe, deren finanzielle Kapazität weit über die Möglichkeiten unseres Vereins hinaus gingen. Weil Fördermittel vorwiegend in einzelnen Margen bewilligt werden, wurde das Projekt in kleine Abschnitte zerlegt. 2001 bis 2003 entstanden das Keller- und Erd-geschoss. 2006 wurde der erste Stock im Rohbau fertig, 2008 der zweite. Zu den Komplikationen beim Bau des neuen Hauses gehörte es, dass Dr. Majed Nassar 2007 in die übergeordnete palästinensische Gesundheitsbehörde nach Ramallah beordert wurde. Dort waren schwerwiegende Personalengpässe entstanden. Der Urologe Dr. Raouf Azar, bis dahin stellvertretender Direktor, übernahm die Aufgaben von dem Klinikgründer in Beit Sahour.

Für den Förderverein war es ein Glück, dass Dr. Raouf Azar ebenfalls in Deutschland studiert hatte. Aufgrund seiner Erfahrungen während des Studiums konnte er die lang-jährigen Kontakte sachkundig pflegen. Das Vertrauen in das Projekt blieb erhalten, die Spendenbereitschaft stieg. Diese Bereitschaft, für ein Aufbau-Projekt im besetzten Palästina sinnvoll zu spenden, musste allerdings auch von Seiten des Vereins sinnvoll gepflegt werden. Bewährt haben sich dabei unsere Foto-Ausstellungen ab 2004. Es waren vier verschiedene Ausstellungen, die mehrmals in Köln, dann in Berlin, Bielefeld, Bonn, Haßloch, Iserlohn, Remscheid, Hamburg, Celle, Rodgau, Fürth, Göttingen und schließlich zuletzt im Mai 2011 in Bremen gezeigt wurden. Geliefert hatten überwiegend Mitglieder Aufnahmen vom Projekt in Beit Sahour, doch auch vom Umfeld der Bedrängnis: Von der wachsenden Sperrmauer, der bedrohlich in Richtung Beit Sahour drängenden israelischen Siedlung Har Homa, von neuen Straßen, auf denen nur jüdische Siedler fahren dürfen und Checkpoints der Besatzungsmacht, vor denen palästinensische Menschen oft stundenlang auf Durchlass warten. Die Fotografin und Lehrerin Christel Plöthner stellte für den Köln-Bethlehem-Partnerschaftsverein und für unsere Ausstellungen meisterhafte Portraits der einfachen Menschen zur Verfügung, die seit beinahe 44 Jahren Opfer von Fremdherrschaft sind.

Es mag auffallen, dass unsere Ausstellungen überwiegend in West- und Norddeutschland gezeigt worden sind. Das ist leicht zu erklären: dieser Förderverein ist „ein geiziger Verein“. Er gibt sich große Mühe, Kosten für Verwaltung und Werbung zu sparen, um Spenden zu beinahe 100 Prozent dem geförderten Objekt zu gute kommen zu lassen. Ausstellungen kamen überall dort zustande, wo freundliche Helfer bereit waren, selber Hand anzulegen, wo Sponsoren Extra-Beihilfen zahlten, Mitglieder „vergaßen“, quittierte Rechnungen dem Kassenwart zur Erstattung vorzulegen. Dieser Verein hat heute rund 90 Mitglieder und ständige Förderer, die aber über die gesamte Republik verteilt leben. Da fällt es nicht immer leicht, über große Entfernungen hinweg Aktivisten zu finden und zu motivieren. Aber allen denen, die unserer Werbung klaglos und ohne Eigennutz zum Erfolg verholfen haben, möchte heute herzlich danken Peter Wald, der den Verein von 2003 bis zum September 2011 leiten durfte.

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Rückblick/Ausblick:

Das „Allerwelthaus“ in Hagen war ein guter Platz, um eine festliche Stunde (es wurden drei Stunden) zu Ehren des zwanzigsten Jahrestags unseres „eingetragenen Vereins“ zu veranstalten. Es war nicht nur ein guter, es war der „richtige“ Platz, denn 1991 hatte der Gründer des Medizinischen Zentrums, Dr. Majed Nassar, selber im Hagener Allerwelthaus für die Gründung unseres Fördervereins geworben. Das wusste Getrud Nehls zu berichten, die jetzige Vorsitzende des Vereins.

Unter den rund 50 Teilnehmern der Feierstunde war Dr. Raouf Azar, der Chefarzt und Direktor des Medizinischen Zentrum Beit Sahour. Er berichtete, der Innenausbau der obersten Etage des neuen Krankenhauses habe begonnen. Allerdings sei die Finanzierung des Vorhabens schwieriger geworden, weil die Finanzkrise Europas auch zur Verringerung offizieller Hilfszahlungen aus Italien und Spanien führe. Umso wertvoller wäre die Unterstützung, die vom Förderverein und von privaten Spendern geleistet worden sei und hoffentlich weiter geleistet werden würde.

Den Wert der individuellen Hilfe für das Medizinische Zentrum betonte auch Salah Abdel Shafei , der Botschafter Palästinas in Berlin. In seinem schriftlich gelieferten Grußwort hieß es, während die seit Jahrzehnten versprochene politische Lösung des Palästina-Konflikts ausbliebe, hätten die Fördermittel des Vereins das Leben vieler Palästinenser unter israelischer Besatzung erheblich verbessert.

Zu den palästinensischen Ehrengästen der Hagener Feierstunde zählte auch Abdallah Frangi, Botschafter Palästinas in Bonn zur Zeit des 2004 verstorbenen PLO-Chefs Jassir Arafat. Abdallah Frangi stellt gerade sein Erinnerungsbuch an ein langes politisches Leben vor, das eng mit Deutschland verbunden ist. Die Botschaft des „Gesandten“ (Der Gesandte, so der Titel seines Buchs) an die Versammelten: Weiter und unermüdlich für die Lösung des Konflikts zwischen Israelis und Palästinensern durch den Aufbau eines eigenen Palästinenser-Staates einzutreten. Sich mit einem israelischen Einheitsstaat abzufinden, in dem auch Rest-Palästina mit seinen Menschen aufgehen würde, sei resignativ und würde dem Land keinen Frieden bringen. Palästinenser wären in einem Einheitsstaat für immer Bürger zweiter Klasse. Friede wäre erreichbar, wenn entsprechende Verträge zwischen Israel und Palästina auf gleicher Augenhöhe geschlossen würden.

Einzelheiten zur Geschichte des Vereins und zum Stand der Arbeit des Medizinischen Zentrums sind der Broschüre zu entnehmen, die der Verein anlässlich seines zwanzigsten Jahrestags herausgegeben hat. Die Broschüre kann gegen € 5,00 in bar oder Briefmarken bei der Geschäftsführung (Karin Mitri, Sudbruch 7 a, 27248 Ehrenburg) abgerufen werden.