Die Vereinigte Arabische Republik

Wer weiß schon heute noch, was die Vereinigte Arabische Republik (VAR) ist oder war? Manche verwechseln das Phantom mit den real existierenden Vereinigten Arabischen Emiraten am Persischen Golf. Die VAR lag aber überwiegend am Nil und am Euphrat. Sie war 1958 entstanden aus dem freiwilligen Zusammenschluss der beiden Staaten Ägypten und Syrien. Der so gebildete Einheitsstaat nannte sich Vereinigte Arabische Republik und ermunterte vor allem die Nachbarn des syrischen Landesteils, namentlich den Libanon, den Irak und Jordanien, zum Beitritt. Das verursachte Ende der fünfziger Jahre viel Unruhe im Nahen Osten, löste die Revolution mit dem Sturz der Monarchie im Irak aus und führte einmal sogar zu einer Intervention britischer und amerikanischer Truppen im Libanon und Jordanien, um diese beiden Länder vor Revolutionen zu bewahren.

Doch das Übergewicht Ägyptens in der VAR mit dem autoritär regierenden Präsidenten Gamal Abdal Nasser störte schon bald die politische Klasse Syriens. Von Kairo aus, wo die Zentralregierung ihren Sitz hatte, war die Unzufriedenheit im syrischen Landesteil kaum zu erkennen. So zeigte man sich in Ägypten ziemlich überrascht, als es im Sommer 1961 in Syrien einen Putsch gab, der erfolgreich zu Ende geführt werden konnte. Der Einheitsstaat zerfiel in zwei Teile. Syrien kehrte zur Eigenstaatlichkeit zurück. Der so verschmähte Präsident Gamal Abdal Nasser stellte sich allerdings stur. Er führte Ägypten weiter unter dem Namen Vereinigte Arabische Republik bis zu seinem Tod 1971. Erst sein Nachfolger, Präsident Anwar as-Sadat, bereitete der Vortäuschung falscher Tatsachen ein Ende und kehrte zu dem früheren Namen Republik Ägypten zurück.

Schon nach dem Ende meiner Korrespondenten-Tätigkeit in Kairo, 1968, wurde ich vom Verlag für Literatur und Zeitgeschehen, Hannover gebeten, in einer landeskundlichen Reihe über Nordafrika und Arabien das Land Ägypten zu übernehmen. So ist das kleine Werk (140 Seiten) 1969 unter dem Titel Die Vereinigte Arabische Republik erschienen.

Das Buch ist seit langem vergriffen, auch den Verlag gibt es nicht mehr. Wer es im Antiquariat findet und es kaufen möchte, sollte sich vor allem für die jüngere Geschichte Ägyptens interessieren. Es schildert die Reformpolitik des Regimes der jungen Offiziere, zur Macht 1952 durch einen Putsch gelangt. Mit Hilfe eines militärischen Dirigismus, später eines planwirtschaftlichen „Arabischen Sozialismus“, gestützt auf ein informelles Bündnis mit der Sowjetunion, wagen die Machthaber den Umbau der ägyptischen Gesellschaft, wagen den Versuch, den Agrarstaat Ägypten in einen Industriestaat umzuwandeln. Aber aller erzielter Fortschritt wird durch die ständige Konfrontation mit Israel, durch regionale Interventionen und außenpolitische Abenteuer in Frage gestellt – letztlich jedoch auch durch den ständig wachsenden Bevölkerungsüberschuss, der allen materiellen Fortschrit verzehrt.

Geschrieben wurde das kleine Werk 1968, als ich schon den Wohnsitz Belgrad bezogen hatte. Der Auftrag war mir als Gelegenheit willkommen, die in zwölf Jahren Korrespondentätigkeit am Nil erlangten Erkenntnisse zusammen zu fassen und für eine bestimmte Zeit zu konservieren.

 

Wohnsitz Belgrad

In Belgrad war ich von Juli 1968 bis Dezember 1971 ansässig. Eine Gruppe von Zeitungen, z.B. die „Badische Zeitung“ in Freiburg, die „Neue Zürcher Zeitung“ und auch der Hessische Rundfunk hatten sich darauf verständigt, mich als Berichterstatter für die Länder Jugoslawien, Bulgarien, Ungarn und Rumänien zu beschäftigen. Der Schwerpunkt meiner Berichterstattung lag auf Jugoslawien, das damals unter der Führung des greisen Marschall Titos eine gute Zeit erlebte.

Der Kommunist, während des Zweiten Weltkriegs Partisanenführer, dann „Marschall“ Josip Broz Tito war Jahrgang 1892. Schon während des Krieges nannten ihn seine Anhänger respektvoll „stari“, den Alten. 1968 war Tito 78 Jahre alt. Zwar sonnte er sich im Personenkult, den die herrschende Partisanenklasse mit ihrem Chef betrieb, doch gab „der Alte“ zu jener Zeit einen liberalen Kurs vor. Sein geschicktes Taktieren zwischen den Blöcken des Kalten Krieges, zwischen Ost und West, hatten Jugoslawien einen gewissen Wohlstand beschert. Man konnte es sich leisten, die eigene Bevölkerung n i c h t einzusperren. Bekanntlich kamen in jener Zeit Zehntausende von jugoslawischen „Gastarbeitern“ in die Bundesrepublik Deutschland.

Ich hatte einige Sympathie für das jugoslawische Sozialismus-Modell nach Belgrad mitgebracht. Als praktizierender Journalist musste ich dann bald zur Kenntnis nehmen, dass auch hier zwischen Theorie und Praxis eine große Lücke klaffte. Das theoretisch reizvolle System der Arbeiter-Selbstverwaltung war in der alltäglichen Wirklichkeit nicht sehr erfolgreich; vor allem aber wurde es von zahlreichen örtlichen Machtzentren auf alt-balkanische Weise manipuliert und missbraucht. Mein lebenslanger Freund Wolfgang Leonhard schrieb über unsere gemeinsame Sympathie für das Jugoslawien Titos im Vorwort zu meinem Buch „Nachrichten von Vater und Mutter“ 2002 diese Sätze:

„Später, 1970, trafen wir uns in Belgrad...Beide waren wir damals noch immer von dem jugoslawischen Versuch eines Selbstverwaltungs-Sozialismus angetan, allgemein kamen uns ernsthafte Zweifel, ob dieses Modell den Tod des fast achtzigjährigen Titos überleben würde. Wie schrecklich dann Jugoslawien untergehen, wie grauenvoll sich der Nationalismus der einzelnen Völker auswirken sollte – das haben wir beide in unseren Zukunftsbetrachtungen nicht vorausgesehen.“