Bilder und Texte an Mauern
Unsere Ausstellung 2007 bis 2009 – ein großer Erfolg

Am 23. September 2007 konnten wir unsere Ausstellung „Bilder und Texte an Mauern“ im Bürgerhaus Stollwerck in Köln eröffnen. Es ist dieses die zweite Fotoausstellung innerhalb von drei Jahren, die das Umfeld der von uns geförderten Ambulanz und des Krankenhaus-Neubaus in dem von Israel besetzten Westjordanland ausleuchtet. Noch mehr als die Ausstellung 2004 hat sich die jetzige zu einem großen Erfolg entwickelt. Nachdem die bewegenden Fotos mit den Protestbildern und –texten an der israelischen Sperrmauer in Köln abgehängt worden waren, fanden sich in Celle, Berlin, Bielefeld und Bonn neue Ausstellungsplätze. Hunderte von Menschen hatten in den genannten Städten Gelegenheit, die von Karin Mitri, Christel Plöthner und Edith Wald fotografierten Bilder zu sehen. In Celle und Bielefeld gab es ein beachtliches Presseecho. Und was uns besonders freut: Es geht weiter! Im September/Oktober sollen die Bilder noch in Wipperfürth, Siegen und Remscheid gezeigt werden. Für November 2008 gibt es einen Platz in Hamburg-Stellingen. Sogar für 2009 liegt schon eine Buchung vor – Iserlohn vom 01. bis 29. März.

Wir verdanken diesen Erfolg, der einige hundert € an Kleinspenden in die Kasse des Fördervereins gespült hat, überwiegend dem Engagement von Pfarrerinnen und Pfarrern. Im Januar 2008 hingen unsere Bilder im Berliner Missionswerk der Evangelischen Kirche. Dort fanden sie das rege Interesse zahlreicher Geistlicher, denen natürlich unser Födergebiet im Dreieck der palästinensischen Städte Beit Jala, Bethlehem, Beit Sahour sehr vertraut ist. Freundliches „Weitersagen“ nach Abschluss der Jahres- und Jubiläumstagung des Missionswerks und des Jerusalemvereins tat seine Wirkung. Aber auch die Tätigkeit der Bonner Friedensinitiative ist erwähnenswert, die zu einer kleinen Ausstellung unserer Bilder im Internationalen Frauenzentrum der Bundesstadt geführt hat.

Friedensinitiative – wie steht es denn nun um den Frieden im Nahen Osten, den der scheidende US-Präsident Georg W. Bush samt einem eigenen Palästinenser-Staat im Westjordanland bis zum Januar 2009 in Aussicht gestellt hat? Fragen wir doch einen anderen, den ehemaligen amerikanischen Präsidenten Jimmy Carter, der die Geschicke der Vereinigten Staaten von 1977 bis 1981 gelenkt hat. Carter, der damals den Friedensschluss zwischen Ägypten und Israel zu einem guten Ende brachte, versteht viel vom Nahen Osten. Im vergangenen Mai war er wieder zwischen Israel und Rest-Palästina unterwegs, dabei auch im Gaza-Streifen. Am 26. Mai publizierte er in der Süddeutschen Zeitung einen Artikel („Außenansicht“), in dem es zum Thema Frieden hieß:
„...Trotz des kurzzeitigen Traras und der positiven Erklärungen auf der Friedenskonferenz vom vergangenen November in Anapolis hat es einen Rückschritt im Friedensprozess gegeben. Neuntausend neue israelische Wohneinheiten sind für die Siedlungen in Palästina angekündigt worden. Die Anzahl der Straßensperren im Westjordanland hat sich erhöht und der Würgegriff um Gaza hat sich verschärft.“

Die von Washington protegierten Chefs der Verhandlungsparteien, Ehud Olmert und Mahmud Abbas, haben bisher keinerlei tragbare Vereinbarung als Schritt auf dem Wege zum Frieden treffen können. Ab Oktober 2008 wird Olmert nicht mehr israelischer Ministerpräsident sein, und noch weiß niemand, welchen Kurs das dann neu formierte Kabinett Israels steuern wird. Palästinenser-Präsident Mahmud Abbas ist nicht mehr viel Durchsetzungskraft zuzutrauen, auch nicht bei seinen eigenen Leuten. Denn in den Augen des palästinensischen Volkes kann Abbas sich nur noch mit amerikanischer und israelischer Hilfe an der Macht halten. Unterdessen geht der Bau der israelischen Trennmauer weiter, schafft vor Ort im Westjordanland den Menschen neue Probleme. 60 Prozent der Mauer sind laut einem Bericht der Vereinten Nationen fertiggestellt, und 87 Prozent davon stehen nicht auf der Grenzlinie von 1967 (Sechstage-Krieg), sondern innerhalb palästinensischen Gebietes.

Wir können nur hinzufügen, dass die Kolonisierung des Westjordanlandes durch Israel weiter geht. Zur Zeit leben 275.000 jüdische Siedler in 121 Siedlungen auf dem palästinensischen Boden, den die Autonomiebehörde für einen eigenen Kleinstaat reklamiert. Hinzurechnen muss man noch rund 250.000 Siedler, denen im Einzugsgebiet von Jerusalem und in Ost-Jerusalem festungsartige Anlagen erbaut wurden. Dieses Gebiet hatte Israel in dem siegreichen Feldzug von 1967 (Sechstage-Krieg) besetzt und dann völkerrechtswidrig annektiert. Schließlich: Gegen Ende August 2008 genehmigte das israelische Kabinett den Neubau einer jüdischen Siedlung im nördlichen Jordantal – ein ganz offenkundiger Bruch der in Anapolis neun Monate zuvor mit den Palästinensern getroffenen Vereinbarungen.

Wenn uns der Vormarsch israelischer Siedler im Westjordanland beunruhigt, dann ebenso der Konflikt zwischen Hamas und Fatah. Die Gewalttätigkeiten zwischen den Palästinensern besonders in Gaza belasten das palästinensische Volk zusätzlich zu der Last, die ihm das Besatzungsregime aufbürdet. Dabei bestünde wohl doch die Möglichkeit einer tragbaren Zwischenlösung, die den Gazastreifen trotz der von Israel und den Vereinigten Staaten abgelehnten Hamas-Regierung wieder zu einem Teil des Verhandlungsprozesses werden ließe. Als Kronzeuge für diese Möglichkeit bietet sich abermals der ehemalige Präsident Jimmy Carter an. Der 83-jährige Staatsmann war im April des Jahres während seines Besuchs eine Woche lang von der israelischen Regierung boykottiert worden, weil er sich in Ramallah, Kairo und Damaskus mit hohen Repräsentanten der Hamas getroffen hatte. In Jerusalem erklärte Carter dann vor der versammelten internationalen Presse: Hamas lehne eine Anerkennung des Staates Israel unverändert ab. Die Hamas-Vertreter hätten ihm aber versichert, „einen palästinensischen Staat in den Grenzen von 1967 akzeptieren“ und mit Israel „in Frieden leben“ zu wollen. Nicht nur Anhänger der islamischen Hamas, sondern auch unabhängige palästinensische Politiker fragen sich, welches Israel denn anerkennungswürdig sei – das heutige mit den immer noch Millionen von Palästinensern unter der Kontrolle des Besatzungsregimes oder nicht besser ein Israel mit einem ausgehandelten Friedensvertrag in gesicherten Grenzen von vor 1967?

Lohnt gewaltfreier Widerstand ?

Die Bewohner des palästinensischen Dorfes Bilin im Westjordanland konnten im September 2oo7 einen Etappensieg gegen die israelische Besatzungsmacht erringen. Nach einem jahrelangen Rechtsstreit vor dem Obersten Gericht in Israel und wöchentlichen friedlichen Demonstrationen vor Ort erlangten sie ein Urteil, demzufolge der Sperrwall sie nicht von ihren Feldern und Olivenhainen abtrennen darf. Das Oberste Gericht forderte die israelische Armee auf, den Verlauf des Sperrwalls entsprechend zu ändern.

Rund fünf Monate später erfuhren wir von Mohammed Khatib, einem Bewohner von Bilin, dass bis dahin, also bis März 2008, nichts geschehen sei. Der militärische Befehlshaber schien das Gerichtsurteil ignorieren zu wollen. Während die nahegelegene israelische Siedlung Modiin Illit weiter ausgebaut wurde, blieb Bilin etwa 60 Prozent seines Landes beraubt. Folglich veranstalten die Menschen des Ortes weiter an jedem Freitag in der Woche eine von ihrer Seite gewaltfrei geführte Demonstration – nun schon fast fünf Jahre lang. Laut Mohammed Khatib blieb die Demonstration oft dadurch nicht gewaltfrei, dass Soldaten der Besatzungsmacht sie mit Gewalt auflösten. Khatib auf die Frage, wie die israelischen Soldaten nach dem Gerichtsurteil reagierten: „Aggressiver als je zuvor. Offenbar sollten die Demos in Bilin um jeden Preis beendet werden. Sie schlagen uns und schießen auf uns. In den letzten Wochen wurden zwei von uns durch Schüsse verletzt.“

Erst Anfang August 2008 kam die Wende: Ein offizieller israelischer Sprecher bestätigte, dass die Armee ein 2,4 km langes Teilstück der Mauer bei Bilin abreißen und weiter westlich wieder aufbauen werde. Das Bauwerk würde dann „näher entlang der grünen Grenze“ verlaufen; wohlgemerkt: „näher der grünen Grenze“, immer noch nicht auf ihr. Auch warten wir weiterhin auf eine Meldung über den Vollzug des Umbaus. Erst wenn die Bewohner des Orts wieder völligen freien Zugang zu ihren Feldern und Olivenhainen haben, können wir bestätigen: Gewaltfreier Widerstand lohnt wirklich.

Daniel Barenboim – der Brückenbauer

Am 21. August 2005 konnte der argentinisch-israelische Dirigent Daniel Barenboim sich einen Wunsch erfüllen, den er sechs Jahre lang gehegt hatte. 1999 befreundete Barenboim sich in Weimar, damals Kulturhaupstadt Europas, mit dem palästinensischen Intellektuellen Edward Said. Zusammen mit dem neuen Freund gründete der Dirigent das West-Eastern Divan Orchestra, sozusagen frei nach Goethes West-Östlichem Diwan. Es war von Anfang an Barenboims erklärte Absicht, arabische und israelische Musiker in einem Orchester zusammen zu bringen. Das Ziel war nicht zu weit gesteckt. „Musik kann nicht den Frieden bringen“, sagte der Dirigent in einem Interview (Frankf. Rundschau vom 16.08.2005) „Aber Musik besitzt die Kraft, zwischen Menschen eine intensive Beziehung aufzubauen. Denn sie spricht gleichzeitig zum Kopf wie zum Herzen. Ich möchte den jungen Leuten etwas geben, das sie nicht mehr verlieren wollen: einen Lebensinhalt. Denn ein Leben ohne Musik ist ein ärmeres Leben.“

Ehe der palästinensische Freund Edward Said 2003 verstarb, gründeten die beiden Brückenbauer in Ramallah, dem Zentrum der Palästinensischen Autonomiebehörde, eine Musikschule. Barenboim setzte die Arbeit allein fort, erntete in Ramallah viel Dankbarkeit und Bewunderung, in Israel herbe Kritik. Das Orchester wuchs und wuchs. Unterstützt von der spanischen Regierung und der katalanischen Regionalregierung, konnten sich schließlich über mehrere Jahre 80 junge Musiker aus Israel, den Palästinensergebieten, Syrien, dem Libanon und Spanien in Sevilla zu Proben zusammenfinden. Die Wahl Sevillas war auch eine Demonstration: Barenboim bereitete dort, wo im islamischen Mittelalter religiöse Toleranz zwischen Muslimen, Juden und Christen herrschte, die Angehörigen verfeindeter Nationen musikalisch auf die große Premiere in Ramallah/Palästina vor. Diese fand im August 2005 statt.

Nachdem der Pianist und Dirigent Daniel Barenboim Anfang 2008 wieder in Ramallah ein Benefizkonzert gegeben hatte, diesmal zugunsten der medizinischen Versorgung von Kindern im Gazastreifen, wurde ihm die palästinensische Ehrenbürgerschaft angetragen. Und als erster jüdisch-israelischer Bürger akzeptierte der Musiker das Angebot! Zu seiner nun israelisch-palästinensischen Doppelstaatsbürgerschaft äußerte Barenboim sich wie folgt:

„Das israelische und das palästinensische Volk sind unlösbar verbunden und es gibt keine militärische Lösung für den Konflikt. Die palästinensische Nationalität anzunehmen, hat mir die Möglichkeit verschafft, diese Gegebenheit greifbar zu verdeutlichen. Als meine Familie vor über 50 Jahren aus Argentinien nach Israel übersiedelte, tat sie das auch, um mir die Erfahrung zu ersparen, als Teil einer Minderheit aufzuwachsen – einer jüdischen Minderheit. Sie wollte, dass ich als Teil einer Mehrheit aufwachse – einer jüdischen Mehrheit. Die Tragödie in diesem Zusammenhang ist, dass meine Generation, obwohl sie in einer Gesellschaft erzogen worden ist, deren positive Aspekte und menschlichen Werte mein Denken sehr bereichert haben, die Existenz einer Minderheit in Israel ignoriert – einer nicht-jüdischen Minderheit, die in ganz Palästina bis zur Gründung des Staates Israel 1948 die Mehrheit gewesen ist. Ein Teil dieser nicht-jüdischen Bevölkerung blieb in Israel, andere Teile flohen aus Angst oder wurden gewaltsam vertrieben...

...Die Israelis müssen die Integration der palästinensischen Minorität hinnehmen sogar wenn es einige Aspekte der Natur Israels (als jüdischer Staat) verändert. Die Israelis müssen auch anerkennen, dass es gerechtfertigt und notwendig ist, neben Israel einen palästinensischen Staat zu schaffen. Nicht nur gibt es keine Alternative dazu, auch keine magische Wand, hinter der die Palästinenser verschwinden. Sie zu integrieren ist eine unentbehrliche Voraussetzung auf moralischer, sozialer und politischer Grundlage für das Überleben Israels. Je länger die Besatzung andauert und die palästinensische Unzufriedenheit bestehen bleibt, desto schwieriger wird es, auch nur die Grundvoraussetzungen für Frieden zu schaffen...

...Als mir der palästinensische Pass angeboten wurde, nahm ich ihn an im Geiste des Wissens, dass ich als ein Israeli das palästinsische Schicksal teile. Ein wahrer Bürger Israels muss sich gegenüber den Palästinensern offen zeigen und wenigstens versuchen, zu verstehen, was die Schaffung des Staates Israel für sie bedeutet hat. Der 15. Mai 1948 ist der Tag der Unabhängigkeit für die Juden. Aber derselbe Tag ist Al-Nakbah, die Katastrophe, für die Palästinenser. Ein wahrer Bürger Israels muss sich auch fragen, was die Juden, ein intelligentes Volk der Bildung und Kultur, getan haben, um ihr kulturelles Erbe mit den Palästinensern zu teilen. Ein wahrer Bürger Israels muss sich ebenfalls fragen, warum die Palästinenser verurteilt wurden, in Slums zu leben und geringere Standards der Erziehung und der medizinischen Versorgung hinzunehmen, statt von der Besatzungsmacht mit den Bedingungen für ein anständiges Leben in Würde ausgestattet zu werden...

...In jedem besetzten Gebiet sind die Besatzer verantwortlich für die Lebensqualität der Besetzten. Im Fall der Palästinenser haben die israelischen Regierungen der letzten vierzig Jahre nacheinander schmählich versagt. Selbstverständlich müssen die Palästinenser den Widerstand fortsetzen, solange ihnen die Grundlage eines normalen Lebens und ihr eigener Staat vorenthalten wird. Allerdings sollte, zum eigenen Wohl der Palästinenser, Widerstand nicht in Form von Gewalt ausgeübt werden. Die Grenze vom angemessenen Widerstand (einschließlich gewalt-freier Demonstrationen und anderer Proteste) zu Gewalt zu überschreiten, führt nur zu noch mehr unschuldigen Opfern und dient nicht den langfristigen Interessen des palästinensischen Volkes...“


Daniel Barenboim ditigiert das West-Eastern Divan Orchestra


Neue Bücher zum Palästina-Konflikt

In dieser Broschüre haben wir auf Seite 40 neue Bücher zum Palästina-Konflikt angezeigt. Seither sind erfreuliche Änderungen eingetreten, über die wir hier berichten. Erschienen ist ein Buch von Ilan Pappe The Ethnic Cleansing of Palestine. Zuerst lag es nur in Englisch vor. Im Oktober 2007 hat aber „Zweitausendeins“ eine deutsche Ausgabe auf den Markt gebracht. Der deutsche Titel: Die Ethnische Säuberung Palästinas. Das Buch hat die Bestellnummer 200320. Es ist nur bei Zweitausendeins im Versand oder in den Zweitausendeins-Läden der deutschen Großstädte zu haben. Wir empfehlen dringend die Lektüre des Buches von Ilan Pappe, der im Klappentext als „der mutigste, unbestechlichste und der am schärfsten urteilende Historiker Israels“ vorgestellt wird. Weiter im Klappentext: „Ilan Pappe hat anhand von Augenzeugenberichten und neu zugänglichen Dokumenten aus israelischen Militärarchiven die Ereignisse von 1947 und 1948 akribisch nachgezeichnet; sie stehen zur offiziellen Geschichtsschreibung und dem Gründungsmythos Israels im eklatanten Widerspruch.“ Das Werk ist in 2008 von besonderer Aktualität, denn Israel beging ja Mitte Mai den 60. Jahrestag der Staatsgründung.

Keine weiteren Siedlungen?

Zu den mutigsten Publizisten Israels gehören ohne Zweifel Idith Zertal, Historikerin, und Akiva Eldar, Journalist. Diese Autoren sind scharfe Kritiker der israelischen Sperrmauer. Die beiden gehen aber auch mit der israelischen Siedlerbewegung scharf ins Gericht. Sie tun das in einem Buch, das den Titel Die Herren Des Landes mit der Unterzeile Israel und die Siedlerbewegung seit 1967 trägt. Dieses Buch wurde erstmalig 2004 in Hebräisch publiziert, 2007 ist die aktualisierte deutsche Ausgabe bei der Deutschen Verlags-Anstalt, München, erschienen. Das Buch hat die ISBN 978-3-421-04268-2.

Das Werk der beiden israelischen Autoren ist 2008 ebenfalls von großer Aktualität. Noch in den ersten Wochen des neuen Jahres wollten vor allem die USA und die Europäische Union, gemeinsam mit Russland und Saudi-Arabien, die Vorbereitungen zur Gründung eines eigenen Palästinenser-Staates so wesentlich voran bringen, dass er bis Ende 2008 Wirklichkeit werden kann. Israel hat sich im letzten November auf der Konferenz von Annapolis in den USA verpflichtet, diese Bemühungen aktiv zu fördern, besonders durch einen Baustop für Siedlungen im Westjordanland und den Rückbau verstreuter Siedlungs-Keimzellen. Zur großen Überraschung der Konferenz-Veranstalter und zum Entsetzen der palästinensischen Unterhändler ließ Israel noch vor dem Jahreswechsel Pläne bekannt werden, denen zufolge im Großraum Jerusalem bald 9.000 neue Siedler-Wohnungen entstehen sollen. Die USA und die Europäische Union haben diese Pläne kritisiert.

Einem Interview mit dem israelischen Staatspräsidenten Shimon Peres (Süddeutsche Zeitung vom 2.1.2008) verdanken wir den Hinweis, wie Israel jene Zusage zu relativieren wünscht. Gefragt, ob nicht der geplante Ausbau jüdischer Siedlungen die Friedengespräche überschatte, antwortete Präsident Peres: „Wir haben längst beschlossen, keine neuen jüdischen Siedlungen mehr zu errichten. Und die bestehenden werden nicht ausgeweitet. Aber wir müssen doch dem natürlichen Wachstum gerecht werden. Das heißt, wenn Kinder geboren werden, müssen wir Kindergärten in den Siedlungen errichten. Wenn ein junges Paar eine Wohnung sucht, müssen Häuser gebaut werden. Die jüdischen Siedlungen werden nicht per se erweitert, sondern gemäß dem Rhythmus des Lebens.“ Auf die Nachfrage, ob nicht genau diese Siedlungserweiterungen die Palästinenser ärgerten, antwortete Shimon Peres schroff:
„Sich zu ärgern und hochdramatisch zu werden, ist keine Art, Politik zu betreiben. Die Palästinenser sollen sich darauf konzentrieren, mit uns Frieden zu schließen. Man muss sich zusammensetzen und einen Kompromiss finden.“

Nun haben die palästinensischen Unterhändler selbstverständlich zu berücksichtigen, dass es auch unter den Palästinensern das von Perez beschworene „natürliche Wachstum“ gibt, und zwar in einem erhebliche Maße. Baugenehmigungen für Palästinenser im Großraum Jerusalem sind jedoch äußerst selten. Sollte sich der eigene palästinensische Staat mit dem Westjordanland begnügen müssen, wie es durch die israelische Sperrmauer, jüdische Siedlungen und Sicherheitsstraßen für die Siedler zerstückelt ist, dann stünden zum Schluss rund 12 Prozent des alten Palästinas sechs bis sieben Millionen Palästinensern zur Verfügung. Man kann es den palästinensischen Unterhändlern also nicht verdenken, wenn sie vorab verbindliche Zusagen haben wollen, für diese untragbaren Zustände noch positive Veränderungen aushandeln zu können.



Idith Zertal und Akiva Eldar

schildern in ihrem Buch, wie nach der Einnahme Gazas, Ost-Jerusalems und des Westjordanlands 1967 noch jede israelische Regierung die Siedlerbewegung unterstützt hat. Oft geschah das offensiv, wie unter Ministerpräsident Levi Eshkol Anfang 1968, unter Ministerpräsident Menachem Begin 1981 oder Ministerpräsident Ariel Scharon 2001. Manchmal, wenn auch die Likud-Vertreter taktisch bedingte Teilrückzüge zu verantworten hatten, wurde die Regierungsunterstützung verdeckt geleistet. Aber auch die Regierungen der israelischen Arbeitspartei waren der zum Teil religiös motivierten Siedlerbewegung behilflich. Die beiden Autoren wissen zu berichten, dass im Frühjahr 1975, als Shimon Peres Verteidigungsminister in Israel war, der jetzige Staatspräsident die Gründung der Siedlung Ofra auf einem Bergrücken an der Straße von Ramallah zur Jordansenke begünstigt hat. Wie später immer wieder praktiziert, ließ sich eine Gruppe von Siedler-Aktivisten zunächst ohne offizielle Erlaubnis auf dem Berg nieder. Nach einigem Hin und Her zwischen dem düpierten israelischen Militärgouverneur und dem Verteidigungsminister ließ man die Neusiedler zunächst gewähren. Peres hatte befohlen, „den Siedlern nicht zu helfen – sie aber auch nicht zu behindern“. Nach Einhaltung einer Schamfrist kam dann doch die offizielle Genehmigung für das Unternehmen Ofra. Zertal und Eldar berichten: „Nachdem er sich mit Premierminister Rabin beraten hatte, autorisierte Peres die Gush Emunim-Aktivisten zu bleiben wo sie waren, unter der Bedingung, dass sie sich selbst um einen Generator kümmern und den Anweisungen der Armee Folge leisten würden.“

Die beiden israelischen Autoren berichten, dass die Siedlerbewegung, seit dem Sechstagekrieg 1967 sehr viel palästinensisches Land an sich gebracht hat, ungeachtet aller Verbots-Resolutionen der Vereinten Nationen und der – allerdings oft nur lahmen – amerikanischen und europäischen Proteste.

Yehudit Kirstein Keshet und Sumaya Farhat-Naser sind zwei Frauen, die längst einen israelisch-palästinensischen Frieden geschlossen haben. Leider ist dieser Frieden nicht allgemein verbindlich. Beide sind Autorinnen und beide arbeiten in der Friedensbewegung. Von der Israeli Keshet ist vor kurzem ein Buch erschienen, das trotz des englischen Titels Checkpoint Watch einen ins Deutsche übersetzten Text hat. „Zeugnisse israelischer Frauen aus dem besetzten Palästina“, lautet der Untertitel. Farhat-Nasar hat mit dem Titel Disteln im Weinberg schon ihr drittes Buch in deutsch vorgelegt. Der Untertitel: „Tagebuch aus Palästina“.

Yehudit Keshet

ist eine der drei Gründerinnen von Checkpoint Watch, einer Organisation, in der mittlerweile über 500 israelische Frauen aktiv sind. Die Frauen begeben sich in ein Land, das viele ihrer Landsleute immer noch als Feindesland betrachten: Im Westjordanland stehen sie zu dritt oder viert an den Kontrollposten der israelischen Armee, die sämtliche Bewegungen der Palästinenser innerhalb ihres eigenen Landes sowie ihre Einreise nach Israel kontrollieren. Die Frauen wollen Menschen an den Checkpoints beistehen, den Palästinensern, die sie passieren müssen, aber auch den meistens sehr jungen israelischen Soldaten, die ihrer Rolle dort oft nicht gewachsen sind. Die Frauen führen genau Protokoll, und aus ihnen ergibt sich ein erschütterndes Bild des Lebens der Palästinenser unter israelischer Besatzung.

Dr. Sumaya Farhat-Naser

ist christliche Palästinenserin, die in Hamburg studiert hat. Sie wohnt mit ihrem Mann in Birseit in Palästina und lehrt an der dortigen Universität Botanik und Ökologie. Vor allem aber ist sie Autorin, Vortragsreise und Friedensarbeiterin. In Seminaren und Workshops für junge Frauen und Jugendliche in Palästina einerseits und für Studierende in Deutschland und der Schweiz andererseits hat sie Schulungen zu Themen entwickelt, die der Konfliktbewältigung dienen. Zentrale Themen dieser Arbeit sind: Konfliktmanagement, Umgang mit Wut, Zorn, Angst, Demütigung, Folter und Trauer; Umgang mit Gewalt, die uns zugefügt wird und mit Gewalt, die wir anderen zufügen; Fragen der Zivilgesellschaft, Menschenrechte,Demokratie; Umgang mit der deutsch-jüdischen Geschichte als Palästinenser und der Bezug zur eigenen Geschichte.

Die Herausgeber des jüngsten Buchs von Prof. Dr. Farhat-Naser sind voller Bewunderung dafür, wie diese Frau ihre vielen selbstgestellten Aufgaben bewältigt. Wörtlich im Vorwort: „...So verwundert es nicht, dass in Sumayas Tagebuch von neun Monaten, von Mitte Juni 2006 bis Mitte März 2007, ein zermürbender Alltag beschrieben wird, der von immer wiederkehrender Angst und Beklemmung zeugt, hervorgerufen durch die Gewalt der Besatzung mit ihren mannigfaltigen Folgen...“

Im Unterschied zu ihrem zweiten Buch (Verwurzelt im Land der Olivenbäume) kann die Autorin in diesem Buch nicht von der gemeinsamen Friedensarbeit mit den israelischen Friedensfrauen berichten, denn die israelischen Behörden haben diese wertvollen Aktivitäten unterbunden. Nur unter großen Schwierigkeiten gelingt einmal ein Treffen – es wird ein Freudenfest für beide Seiten.

Empfohlen sei dringend die Lektüre des Beitrags von Ernest Goldberger, eines schweizerisch-jüdischen Kritikers Israels, im Buch von Fahrhat-Naser. Goldberger hat jahrelang in Israel gelebt und mit großer Sorge die Verformungen beobachtet, die der israelischen Gesellschaft durch eine permanente Ausübung von Herrschaft über das besetzte Gebiet und über die palästinensische Minderheit im eigenen Land zugefügt werden.


Yehudit Kirstein Keshet: Checkpoint watch,
Nautilus Verlag, Hamburg, ISBN 978-3-89401-555-8.

Sumaya Farhat-Naser: Disteln im Weinberg,
Lenos Verlag Basel, ISBN 978-3-85787 386 7