Von Aurelia Torgau
zu Orli Wald – ein Lebens- und Leidensweg


Eine Lesung aus dem Buch
"Hinter der grünen Pappe"
in Bitburg/Eifel war die Basis einer Gedenkfeier am 27.1.2011, dem 66sten Jahrestag der Befreiung des deutschen Vernichtungslagers Auschwitz im damals besetzten Polen. Rund 80 Schülerinnen und Schüler, dazu 25 ältere Menschen, hatten sich versammelt, um der Schilderung des dramatischen und tragischen Lebenswegs einer jungen Frau von Trier nach Auschwitz und schließlich nach Hannover zu lauschen. Der folgende Text ist eine stark geraffte Darstellung dieses Lebensweges. Er soll dazu anregen, die erschütternden Einzelheiten des Weges einer überaus tapferen Frau in Gänze zu lesen.


Aurelia Torgau genannt Orli im Alter von etwa 20 und 28 Jahren.

Die Familie Torgau hat Wurzeln in Trier. Sie war früh international orientiert, wahrscheinlich durch die Nähe zur französischen Grenze. Vater August Torgau war Mechaniker für Lokomotiven. Er wurde im Frühjahr 1914 von den deutschen Humboldtwerken nach Frankreich entsandt, um dort beim Bau einer neuen Maschinenfabrik mitzuhelfen. Beim Umzug hatte die Familie Torgau fünf Kinder, das sechste Kind war unterwegs. Es wurde am 1. Juli 1914 in Bourell bei Maubeuge geboren, war ein Mädchen und wurde auf den Namen Aurelia getauft. 31 Tage nach der Geburt Aurelias begann der Erste Weltkrieg.

Obwohl Mutter Torgau, geborene Molitor, der Herkunft nach Französin war, wurden alle Mitglieder der Familie nach Kriegsausbruch sofort in einem Lager interniert. In unserem Buch heißt es, ich zitiere: „Französischer Behördenzynismus brachte im Sommer 1916 Frau Maria Torgau mit ihren sechs Kindern außer Landes. Im dritten Kriegsjahr gelangten die Französin mit dem reichsdeutschen Pass und die Kinder…nach Trier.“ Der noch als Soldat taugliche Vater August blieb natürlich interniert.

Im damaligen Trier mussten die Torgaus ein Elendsdasein führen, fast so schlimm wie in französischer Internierung: Ganz wenig Geld vom Wohlfahrtsamt. Die Notlage der Torgaus milderte sich ab 1919. August Torgau war aus der Internierung in Frankreich heimgekehrt, und zwar als überzeugter Sozialist. Er fand eine Arbeitsstelle in der Eisenbahnhauptwerkstatt Trier-West. Trier war damals französisch besetzt. 1920 kam es dort zu Hunger-Unruhen. Der Oberbürgermeister rief die Besatzungssoldaten zur Hilfe. Davon negativ beeinflusst, rückte August Torgau weiter nach links. Ab 1923 ging es mit der Familie Torgau wieder bergab. Vater August war als Rädelsführer eines wilden Streiks von der Reichsbahn entlassen worden. Der Verlust des Arbeitsplatzes ging einher mit dem Verlust des Wohnrechts in einer Eisenbahner-Wohnung. Die Torgaus bekamen ein Notquartier in einer vormaligen Kaserne in Trier-West.

Als Adolf Hitler im Januar 1933 zum Reichskanzler ernannt wurde, gehörten die Torgaus zu den bekanntesten Kommunisten in Trier. Aurelia, von Freundinnen und Familie Orli gerufen, war damals 18 Jahre alt und Mitglied der KPD-Jugendorganisation. Zwei ihrer Brüder wurden gleich in neugeschaffene Konzentrationslager gebrachtt, danach zu Gefängnishaft verurteilt. Die junge Orli folgte nicht blind dem Vorbild ihrer Brüder. Sie hatte einen eigenen Standpunkt, war unzufrieden mit der kommunistischen Propaganda gegen die Sozialdemokraten, die als „Sozialfaschisten“ verunglimpft wurden.

Trotzdem beteiligte sich Orli von 1933 bis 1936 am Untergrund-Widerstand gegen die brutaler werdende Diktatur der Nationalsozialisten. Sie reiste wiederholt nach Luxemburg, um dort anti-Nazi Flugblätter abzuholen. Zwischendurch, im August 1935, heiratete sie den Bauarbeiter Fritz Reichert. Die Ehe erwies sich als Fehlschlag. Reichert war sehr eifersüchtig, vermutete hinter Orlis konspirativer Tätigkeit auch eheliche Untreue. Er drohte ihr mit Anzeige bei der Polizei. Im Oktober 1939 wurde die Ehe geschieden. Im März/April 1936 wurden die meisten Mitglieder einer Jugend-Untergrundgruppe darunter Auelia Torgau, genannt Orli, in Trier von der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) verhaftet. Orli kam im Juni 1936 in das Gerichtsgefängnis zu Trier. Am 21. Dezember 1936 fiel das Urteil: Die Angeklagte erhielt wegen „Vorbereitung eines hochverräterischen Unternehmens“ vier Jahre und sechs Monate Zuchthaus..

Orli kam in das Frauenzuchthaus Ziegenhain in Hessen. Am Ende der Strafhaft war sie 26 einhalb Jahre alt, noch jung genug, um ein neues Leben zu beginnen. Aber man schrieb Dezember 1940, Ende des zweiten Kriegsjahres. Politische Gefangene wurden jetzt nicht mehr entlassen, sondern in ein Konzentrationslager überführt Im Dezember 1940 fand sich Orli im Frauen-KZ Ravensbrück wieder.

Zusammen mit rund 1000 anderen Häftlingsfrauen wurde sie im März 1942 aus dem KZ Ravensbrück abtransportiert. Die Fahrt endete im KZ Auschwitz im besetzten Polen. In diesem Lager war gerade eine Frauenabteilung eröffnet worden und eine Gruppe aus Ravensbrück sollte das Krankenrevier aufbauen.

Bis August 1942 wuchs die Zahl der im Lager Auschwitz registrierten Frauen auf fast 17.000. Ebenfalls im August 1942 ordnete die Lagerführung die Verlegung aller Frauen in den Abschnitt Birkenau an. Dort war ein Lager notdürftig hergerichtet, aber keineswegs fertiggestellt. Der Mangel an Infrastruktur in Birkenau und die schon wütenden Seuchen führten zu katastrophalen Verhältnissen.

Im Frühjahr 1943 wurde Orli vom SS-Lagerarzt zur Lagerältesten, d.h. zur Vorsteherin aller Häftlingsärzte und Häftlingshelfer im Krankenbau Birkenau, ernannt. Im Sommer 1943 konnte Orli die polnische Jüdin Luba Gercak vor der Vergasung retten. Luba sollte später selbst noch große Leistungen vollbringen. Auch zahlreiche andere Häftlingsfrauen wurden durch Orli und ihre Helferinnen gerettet.

Etwa Mitte 1944 erreichte die industriell organisierte Vernichtung von Menschen, an erster Stelle Juden, in Auschwitz einen Höhepunkt. Ebenfalls Mitte 1944 stand die Sowjetarmee rund 200 km vor Auschwitz. In den Lagern wuchs die Hoffnung auf baldige Befreiung. Umso schmerzlicher war im Frauenlager die Enttäuschung, als am 12. August 1944 mehr als 1000 überlebende polnische Aufständische aus Warschau in Birkenau eingeliefert wurden.

Erst am 18. Januar 1945 begann der Abmarsch von über 9.000 Frauen aus Auschwitz-Birkenau in Richtung Westen. Es war ein Gewaltmarsch, den nur die stärksten Frauen mit Kraftreserven überlebten. Schließlich wurden die Überlebenden in einem Zug mit offenen Güterwagen weiter transportiert. Am 27. Januar 1945 wurde Auschwitz befreit. Aber erst einen Tag danach erreichte der Frauen-Transport Ravensbrück im heutigen Brandenburg. Orli wurde, zusammen mit anderen Frauen aus Birkenau, in das Nebenlager Malchow verlegt. Ende April 1945 gelang ihr und einer Gruppe anderer Frauen die Flucht aus dem kaum noch bewachten Nebenlager. Wenige Tage später wurden diese Entflohenen von Sowjetsoldaten aufgegriffen.

Am 20. Mai 1945 erreichte Orli Berlin-Pankow. Von einer Meldestelle für ehemalige politische Gefangene wurde ihr eine Unterkunft zugewiesen. Ehe sie in Berlin eine Arbeitsstelle antreten konnte, brach ihre Tuberkulose-Erkrankung voll aus. Sie musste in ein Sanatorium in Sülzhayn/Harz einziehen. Im Herbst 1946 kam der Redakteur Eduard Wald aus Hannover in dasselbe Sanatorium. Es entstand t eine Diskussionsgemeinschaft zwischen Eduard Wald, Orli und anderen Leidensgefährten. Hier kamen auch die zurückliegenden Fehler der Politik der Kommunistischen Partei, die Verfolgung von Sozialdemokraten in der SBZ und insbesondere die zahlreichen Vergewaltigungen deutscher Frauen beim Einzug der sowjetischen Truppen zur Sprache. Dadurch spitzten sich bei Orli die schon im KZ gefühlten Vorbehalte gegen KPD weiter zu.

Im März 1948 gelangte Orli aufgrund einer Eheschließung mit Eduard Wald nach Hannover. Beide lösten im Herbst desselben Jahres ihre Verbindung zur KPD. Damals begann die vor allem in Auschwitz erlittene Traumatisierung Orli lebensgefährdend zu bedrängen. Zugleich musste ein heftiger Kampf um die Übernahme der Heil- und Arztkosten durch die Entschädigungsbehörde geführt werden. Zwischendurch versuchte Orli ihre fürchterlichen Erinnerungen loszuwerden, indem sie darüber schrieb. Orli fühlte sich auch dazu berufen, für die Rehabilitierung von ehemaligen Häftlingsfrauen zu kämpfen, wenn diese nach der Befreiung in Schwierigkeiten geraten waren.

Am 1. Januar 1962 starb Orli in einer Heilanstalt nahe Hannover.