Zur kommenden Neuausgabe (Ende 2007)


1. Ausgabe von 1989

Vor rund 18 Jahren kamen der Historiker Dr. Bernd Steger und sein Freund Günter Thiele zu mir, dem Sohn des 1978 verstorbenen Redakteurs Eduard Wald. Steger und Thiele hatten den Wunsch, ein Buch über das Leben und Sterben von Orli Reichert-Wald zu schreiben. Orli, eigentlich Aurelia, geborene Torgau, geschiedene Reichert, war 1947 die Frau meines Vaters geworden. Ich hatte Orli kurz vor ihrer Heirat mit meinem Vater in einem Sanatorium für Lungenkranke in Sülzhayn, Südharz, kennengelernt. Zuvor musste ich die noch unbefestigte Grenze zur Sowjetischen Besatzungszone Deutschlands von West nach Ost überqueren. In Sülzhayn diente das Sanatorium Dr. Stein, später in Carl-von-Ossietzky-Sanatorium umbenannt, als Behandlungsstätte für Opfer des Faschismus, das heißt für ehemalige Häftlinge. Orli war aus Berlin wegen einer schweren Lungentuberkulose, Eduard Wald aus Hannover wegen eines haftbedingten Rückenleidens nach Sülzhayn zu Kur geschickt worden. Als ich sie zum ersten Mal sah, wusste ich noch nicht, dass Orli die Lebensgefährtin meines Vaters von 1947 bis 1962 sein würde. Ich fand sie sehr interessant und - obwohl von einer außerordentlich Leidensgeschichte gezeichnet - auch attraktiv. Ihre Leidensgeschichte richtig zu erkunden, begann ich erst ab dem Frühjahr 1948, nachdem Orli als Aurelia Wald, geb. Torgau, zusammen mit meinem Vater in Hannover Aufenthaltsrecht bekommen hatte. Wir blieben bis zu ihrem Tod am 1. Januar 1962 gute Freunde.

Bernd Steger und Günther Thiele verfassten eine Studie von rund 90 Seiten, die ich als Herausgeber begleiten konnte. Ergänzt durch 30 von Orli selber verfasste Kurzbeiträge über das Grauen im Frauen-Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau, konnten wir 1989 ein kleines Buch publizieren. Sein voller Titel war wie eine kurze Inhaltsangabe:

Der dunkle Schatten
Leben mit Auschwitz
Erinnerungen an Orli Reichert-Wald

Das Buch tat seine Wirkung, namentlich in Hannover, noch ehe sich eine offizielle Erinnerungskultur, gebunden an Jahrestage, über die ganze Republik ausbreitete. Aber nach einigen Jahren war es ausverkauft und geriet langsam in Vergessenheit. Ende 2004 Anfang 2005 waren 60 Jahre vergangen, seit viele Tausend weibliche Häftlinge von der SS aus Auschwitz-Birkenau weggeführt und unter größten Strapazen bis zum Frauen-KZ Ravensbrück nördlich von Berlin getrieben wurden. Aurelia Reichert, geb. Torgau, wie ihr Häftlingsname lautete, überlebte den mörderischen Transport nur knapp. Doch ihr Name spielte beim offiziellen Gedenken zur Auschwitz-Befreiung keine Rolle.
Ein Zufall rief die Erinnerung an Orli Reichert-Wald wieder ins Leben zurück. Der Reporter Hans-Jürgen Hermel, ein versierter Rundfunkjournalist aus Hannover, war im Spätherbst 2004 in den USA unterwegs. Auftrags der Niedersächsischen Stiftung für die Gedenkstätten zeichnete er in Nordamerika Überlebensgeschichten von Opfern des Holocaust auf. Nach Rückkehr aus den USA schrieb Hans-Jürgen Hermel an mich: „Bei diesen Begegnungen habe ich zu meiner großen Überraschung eine Frau namens Luba Frederick getroffen, die uns erzählte, dass sie ihr Leben Orli Reichert verdanke. Orli Reichert habe sie als Lagerälteste in ihrer Baracke in Auschwitz vor der Vergasung beschützt und so vor der sicheren Ermordung gerettet.“ Der Reporter machte uns seine Aufzeichnungen zugänglich. Diese lehrten uns, dass Luba Frederick 1922 in Ost-Polen als Luba Tryszynska geboren wurde und 19 Jahre später, nach Hitlers Überfall auf die Sowjetunion, in den Sog der primär gegen Juden gerichteten deutschen Vernichtungsmaschinere geriet. Doch die Jüdin Luba Tryszynska überlebte: 1944 in Auschwitz-Birkenau dank Aurelia Reichert, geb.Torgau; Ende 1944/Anfang 1945 im KZ- Bergen-Belsen bei Hamburg dank ihres eigenen Geschicks und ihres starken Überlebenswillens. Bernd Steger und ich haben die bewegende Geschichte der Luba Tryszynska, später Luba Frederick, rekonstruiert und in das neue Kapitel zu Auschwitz-Birkenau eingearbeitet. Ihre Geschichte gab den entscheidenden Anstoß dafür, das frühere Buch zu großen Teilen neu zu schreiben und es abermals an die Öffentlichkeit zu bringen.

Günther Thiele, der Co-Autor des Buchs von 1989, konnte sich an der Erstellung dieser Neuausgabe aus beruflichen Gründen leider nicht beteiligen. An Günthers wertvolle Vorarbeit knüpfte ich, der frühere Herausgeber, an. Mir fiel die Aufgabe zu, das Leben der Familie Torgau in Trier, Orlis Jugend- und Kampfjahre als Kommunistin, ihren Weg über das Zuchthaus Ziegenhain zum Frauen-KZ Ravensbrück neu zu recherchieren. Hier vermochte ich auf vielen Erkenntnissen von Steger und Thiele aufzubauen. Bei einem Besuch in der Gedenkstätte Ravensbrück ergab sich dann eine zweite Motivation, dieses Buch neu herauszugeben. Wie schon Luba Frederik glaubte, Orli sei in Auschwitz-Birkenau umgekommen, so wird sie auch im Archiv von Ravensbrück als „in Auschwitz verstorben“ geführt.

In ihren 14 hannoverschen Jahren konnte Orli den Namen Reichert nicht loswerden, obwohl Fritz Reichert 1939 auch wegen seines neuen „Bekenntnis’ zum Nationalsozialismus“ (er war zuvor bekennender Kommunist) die Scheidung von seiner inhaftierten Frau durchzusetzen vermochte. Sie war als Aurelia Reichert, geb.Torgau zu einer Zuchthausstrafe von viereinhalb Jahren verurteilt worden und unter demselben Namen ab 1940 in KZ-Haft gehalten. Folglich mussten sie und ihr neuer Ehemann Eduard Wald ab 1948 in Niedersachsen für Aurelia Reichert die bescheidene finanzielle „Haftentschädigung“, so der amtliche Name, durchsetzen. Noch schwieriger war es, staatliche Beihilfe zu erlangen, um die stetig wachsenden Kosten der medizinischen Versorgung der Schwerkranken aufzubringen. Erst als sie verstarb, konnte Orli den Namen Reichert loswerden: sie wurde als Orli Wald, geb. Torgau in einem Urnengrab neben Schwiegermutter Susanne auf dem Engesohder Friedhof zu Hannover beigesetzt.

Peter Wald