Der Vollständikeit halber sei ein weiterer Buchtitel erwähnt. Bei ihm war ich sozusagen nur als „Geburtshelfer“, d.h. als Herausgeber, tätig. 1988 nahmen zwei junge Männer, Bernd Steger (Historiker) und Günter Thiele (Verwaltungsfachmann) mit mir Verbindung auf. Die beiden hatten Archivmaterial zu Aurelia Torgau entdeckt, die am 1. Januar 1962 als Orli Reichert-Wald in Hannover verstorben war. Orli, wie sich ihr Vorname aus „Aurelia“ entwickelt hatte, war die zweite Frau meines Vaters ab 1947. Der Name „Reichert“ war aus einer ersten unglücklichen Ehe an ihr hängen geblieben. Ich wurde von Bernd Steger und Günther Thiele gebeten, ihnen zu helfen, eine Studie über Aurelia Torgau (ihr Mädchenname) zu publizieren. Ich konnte den beiden zusätzliches Material zur Verfügung stellen, ihr Manuskript teilweise überarbeiten oder ergänzen, eine Vorbemerkung zu Orlis eigenen Prosastücken schreiben. 1989 erschien das kleine Werk unter dem Titel: Der dunkle Schatten Leben mit Auschwitz Erinnerungen an Orli Reichert-Wald Auch dieses Werk ist nur noch antiquarisch zu haben. Es konnte aber trotz seiner kleinen Auflage große Wirkung erzielen, weil es in anti-faschistischen Kreisen als Vorlage für Gedenkfeiern und Arbeitsmaterial für Seminare diente. Hier eine kurze Inhaltsangabe, wie sie in der Werbung für das Buch benutzt worden ist:
„Orli Reichert, geb. Torgau, wurde als Mitglied des kommunistischen Jugendverbandes 1936 mit 22Jahren verhaftet und mußte eine neunjährige Leidenszeit in verschiedenen Gefängnissen und Konzentrationslagern erdulden. 1942 wurde sie in das KZ Auschwitz verlegt, wo sie den unmenschlichen Verhältnissen mit größter Tapferkeit begegnete. Als das Lager vor der anrückenden Roten Armee geräumt wurde, machte sie den Todesmarsch zurück in die „Heimat“ mit. Durch ihre Ehe mit Eduard Wald 1947 nach Hannover gelangt, erfuhr die durch die Haft psychisch und physisch schwer beeinträchtigte Frau weitere Demütigungen, vor allem bei der Durchsetzung ihrer Haftentschädigung. Ergänzt wird der Band durch Prosa von Orli Reichert-Wald, die das beeindruckende Charakterbild einer Frau vertieft, die extreme Lebensumstände mit Todesmut meisterte, die Erinnerung an das Grauen aber nicht überleben konnte.“
Wie, wann und wo ich dieser bemerkenswerten Frau zum ersten Mal begegnete, schildere ich in meinem aktuellen Buch „Nachrichten von Vater und Mutter“* Nur soviel sei hier gesagt: es war 1947, ich gerade 18 Jahre alt, als ich Orli in einem Sanatorium für TBC-Kranke in Sülzhayn im Harz, damals Sowjetische Besatzungszone, kennen lernte. Es dauerte noch mindestens zwei Jahre, ehe ich mit ihr anfreunden und ihre ebenso dramatische wie tragische Lebensgeschichte würdigen konnte. Vater und Mutter hatten sich 1947 scheiden lassen, und Orli war Vaters zweite Ehefrau geworden. Da brauchte der 18-Jährige einige Zeit, um „die Neue“ zu akzeptieren.