Vortrag auf einem Projekt-Treffen der Kraus-Stiftung am 17. 5. 2009

Selbsthilfe hinter der Sperrmauer im Heiligen Land

„Für die Menschen in Bethlehem, Beit Jala und Beit Sahour ist das Gefühl des Eingesperrtseins hinter der Mauer sehr bedrückend. Ihre Bewegungsfreiheit besteht in einem Gebiet von sechs bis acht Kilometern. Auf die Frage, was ihnen gegenwärtig am meisten zu schaffen macht, antworteten verschiedene Männer und Frauen nicht etwa mit Hinweisen auf die steigende Armut, die große Arbeitslosigkeit und die Perspektivlosigkeit der Jugend sondern mit dem Satz: ‚Dass ich seit sechs, acht oder zehn Jahren nicht mehr in Jerusalem gewesen bin.’ Kaum bemerkt von der Weltöffentlichkeit, werden Hunderttausende von Palästinensern in ihren Wohngebieten eingesperrt. Alle Bewegungsfreiheit wird ihnen genommen...“

Diese Sätze stammen nicht von mir, sondern von Dr. Hans-Jürgen Abromeit, dem Bischof der Pommerschen Evangelischen Landeskirche und Vorsitzenden des Jerusalemvereins. Hinzufügen möchte ich, dass nicht nur die insgesamt annähernd 2,5 Millionen palästinensischen Bewohner des Westjordanlandes sich eingesperrt fühlen. Viel dramatischer noch ist die Lage der rund 1,5 Million Menschen im palästinensischen Gazastreifen, dem „Gefängnis mit Meeresblick“ wie das Gebiet zynisch, oder sagen wir „sarkastisch“, jedenfalls zutreffend genannt wird. Diese Menschen sind dort nicht nur eingesperrt, sondern sie werden auch systematisch einer dauernden Unterversorgung mit allen lebenswichtigen Gütern ausgesetzt – wohl weil die Gefängniswärter sich der Illusion hingeben, Not und Elend würden die Menschen schließlich zwingen, zum Befreiungsschlag gegen die im Westen verhasste Hamas-Regierung auszuholen.

Doch wir wollen uns hier nicht mit den Wirrungen und Irrungen des israelisch-palästinensischen Konflikts als solchem befassen. Vielmehr wollen wir uns orientieren, wie die Menschen in dem von Bischof Abromeit erwähnten Städtedreieck Bethlehem-Beit Jala-Beit Sahour, rund 10 Kilometer vor den Toren Ost-Jerusalems, mit den Folgen einer verfehlten Besatzungspolitik umgehen. Da „die Mauer“ auch für akut erkrankte Palästinenser den Zugang zur hoch-qualifizierten medizinischen Versorgung in Jerusalem nahezu vollständig versperrt, war der Ausbau einer schon früher gegründeten Ambulanz in Beit Sahour und der Bau eines dazugehörigen Krankenhauses die richtige Konsequenz. Dr. Raouf Azar wird Ihnen in Kürze über Verlauf und Stand dieses Selbsthilfe-Projekts berichten. Ich darf schon jetzt sagen, dass der Ausbau des Medizinischen Zentrums in Beit Sahour nicht nur die medizinische Versorgung eines Teils der Bevölkerung erheblich verbessert hat – der Bau eines Krankenhauses ist in der kleinen Stadt am Hirtenfeld natürlich auch ein belebender Wirtschaftsfaktor.

So ganz in ihrer Bedrängnis allein gelassen sind die Menschen dort glücklicherweise nicht. In Ramallah, dem Sitz der Palästinensischen Autonomiebehörde, lassen sich viele Länder durch Beauftragte vertreten, so auch die Bundesrepublik. Berlin unterhält sogar ein Goethe-Institut in Ramallah. Zahlreiche NGOs, also nicht regierungsgebundene internationale Hilfsorganisationen, haben dort Büros eröffnet. Die Kirchen, insbesondere die EKD, haben ihr Engagement verständlicherweise im Städtedreieck Bethlehem, Beit Jala, Beit Sahour verankert – hier waren sie sozusagen schon zuhause, als es noch das alte Palästina als Teil des in religiösen Angelegenheiten toleranten Osmanischen Reichs gab. Ausländisches Engagement insgesamt hat den Palästinensern viele Ansätze für Problembewältigung in Selbsthilfe geboten. Ich darf Ihnen einige Beispiele nennen: In Bethlehem existiert seit etlichen Jahren ein Internationales Begegnungszentrum. Dessen Hauptanliegen ist es, Impulse und Förderung für Kinder, Jugendliche und die lokale Bevölkerung zu geben. Den Menschen hinter der Mauer soll es ermöglicht werden, eine aktive Rolle bei der Gestaltung ihrer Zukunft zu spielen. Das IBZ, so das Kürzel in deutsch, trägt zur Schaffung der palästinensischen Zivilgesellschaft bei. Eines seiner Partner ist die Jugendbildungsstätte Bremen, Lidice Haus. Vor wenigen Tagen erst ging in Bethlehem ein vom Lidice Haus veranstaltet Fortbildungsseminar zu Ende. Obertitel des Seminars: „Entwicklungshindernis Gewalt“ Fragezeichen. Dann erläuternd: „Erziehung, Bildung & Kultur unter Besatzung. Fortbildung für Fachkräfte der Jugend- u. Bildungsarbeit“. Zu den weiteren Erläuterungen gehören auch diese: „In Bethlehem und der Westbank stellen Kinder und Jugendliche mehr als 60 Prozent der Bevölkerung. Sie wachsen in einer von Gewalt geprägten Umgebung auf und sind in zunehmenden Maße gefährdet. Viele sind traumatisiert. Begegnungs- und Austauschprogramme sind ganz besonders vor dem Hintergrund der Abriegelungspolitik durch die Mauer und die Checkpoints von Bedeutung.“

Eine ähnliche Arbeit versucht übrigens auch die Professorin Dr. Sumaya Ferhat-Naser zu leisten. Sie lehrt an der palästinensischen Universität Birset Botanik und Ökologie, hat darüber hinaus Schulungen zu Themen entwickelt, die der Konfliktbewältigung dienen sollen. Zentrale Themen dieser Arbeit sind: „Konfliktmanagement, Umgang mit Wut, Zorn, Angst, Demütigung, Folter und Trauer; Umgang mit Gewalt, die uns zugefügt wird und mit Gewalt, die wir anderen zufügen; Fragen der Zivillgesellschaft, Menschenrechte, Demokratie. Umgang mit der deutsch-jüdischen Geschichte als Palästinenser und der Bezug zur eigenen Geschichte.“ Bis 2007 konnte Dr. Ferhat-Naser dieser wichtigen Aufgabe zusammen mit israelischen Friedensfrauen nachgehen, doch dann haben die israelischen Behörden auf ihrer Seite diese wertvollen Aktivitäten unterbunden. Die israelischen Frauen durften nicht mehr zu Veranstaltungen im Westjordanland reisen. Da die Professorin in Deutschland studiert hat, überwiegend in Hamburg, kommt sie auch immer mal wieder in unser Land, um ein neue Buch vorzustellen, um zu berichten, zu diskutieren, zu kritischem Denken zu ermuntern.

Zu hohen christlichen Feiertagen, namentlich Weihnachten u. Ostern, konnte in den letzten zwei Jahren das Städtedreieck hinter der Mauer einen Wiederanstieg des Besucheraufkommens registrieren – doch es ist immer noch niedrig im Vergleich zu den Besucherzahlen von vor dem Jahr 2000, d.h. vor dem Beginn des zweiten Aufstands gegen die Besatzung. Soweit die Reisenden israelischen Veranstaltern anvertraut sind, werden sie meistens für nur zwei, drei Stunden nach Bethlehem zu Geburtskirche geführt und dann nach Jerusalem zurückgebracht. Palästinensische Hotelbesitzer im Städtedreieck wünschen sich natürlich Übernachtungsgäste und die Besitzer dern Andenken- und Folklore-Geschäfte Kunden mit einigen Tagen Zeit. Um für den längeren Aufenthalt im palästinensischen Gebiet zu werben, wurde eine „Gruppe Alternativer Tourismus“ (Kürzel GAT) gegründet. Diese ist an die lutherische Gemeinde in Beit Sahour angegliedert. Die GAT bietet Besuchern die Möglichkeit, als Teil einer Rundreise durch direkten Kontakt zu palästinensischen Menschen deren tägliches Leben kennenzulernen. Bestimmte Touren sollen einen kritischen Einblick in den geschichtlichen, kulturellen und politischen Hintergrund des Heiligen Landes vermitteln.

„Hinter der Mauer und hinter den Kontrollstellen gibt es im besetzten Gebiet freundliche Menschen und die Möglichkeit, neue Erfahrungen zu machen. Wenn Touristen sehen, wie wir leben und wie die Israelis leben, können sie den Konflikt besser verstehen und durch größeres Verständnis vielleicht auch zur Lösung beitragen. Insofern ist der Tourismus tatsächlich ein Instrument, um Brücken zu bauen – Brücken zwischen beiden Ländern, aber auch Brücken zur Außenwelt. Der Tourismus kann mit seinem ‚Brückeneffekt’ ein Instrument zur Friedenssicherung werden. Allerdings geht das nur dann, wenn Israel anerkennt, dass wir gleichwertige Partner sind. Wir sollten die Verantwortung teilen und beide davon profitieren – finanziell wie gesellschaftlich:“ Diese Worte stammen wiederum nicht von mir, sondern von Frau Dr. Khouloud Daibes-Abu Dayeh, der Ministerin für Tourismus, Altertümer und Frauenangelegenheiten in der Autonomie-Regierung des Westjordanlandes.

Die Arabische Frauen Union, ein Teil der entstehenden palästinensischen Zivilgesellschaft, hat an mehreren Stellen im Städtedreieck Geschäfte für Artikel des traditionellen Kunsthandwerks errichtet. Der Frauenvereinigung geht es nicht nur darum, den Olivenholzschnitzern, in Bethlehem natürlich stark der christlichen Symbolik verbunden, einen besseren Absatz zu verschaffen. Manche dieser Geschäfte sind kleine Museen, in denen die Exponate traditionelle Linien der palästinensischen Folklore vom 19. über das 20. bis hinein in das 21. Jhd. nachzeichnen. Auch hier ringt man um den Erhalt der eigenen Identität, möchte nicht mit billiger Ware aus Fernost überflutet werden. Vielmehr wünscht man die schönen, oft auch stammesbestimmten Stickmuster ländlicher Frauenkleider in Handarbeit ausgeführt anbieten zu können.

Erfreulich, dass es durch die Zusammenarbeit zwischen der Frauen Union und äusländischer Entwicklungshilfe zur Gründung und Ausstattung eines Frauenhauses in Beit Sahour gekommen ist. Die palästinensische Gesellschaft im Westjordanland ist durch nunmehr fast 32 Jahre Besatzungsregime starken Belastungen ausgesetzt gewesen und immer noch ausgesetzt. Mehr noch als bei uns belasten Arbeits- und Perspektivlosigkeit „hinter der Mauer“ das Familienleben. Hinzu kommen besondere Faktoren: Immer mal wieder Ausgangssperren, oft tagelang; manchmal stundenlanges Verharren an israelischen Kontrollpunkten; nervenzerrende Sorgen um Angehörige, die von Ort zu Ort reisen und dabei zeitraubende Umwege in Kauf nehmen müssen. Kein Wunder, wenn gelegentlich die Nerven blank liegen und eine Frau Hilfe außerhalb der eigenen Familie suchen muss. Wir, meine Frau und ich, haben das neue Frauenhaus in Beit Sahour noch nicht besuchen können. Soviel wir erfuhren, soll es aber nicht nur Frauen in Not Schutz bieten, sondern gleichzeitig ein Ort sein, wo Frauen Ausbildung und Weiterbildung erlangen können.

In schwieriger Einzelinitiative hat die heute 24jährige Honey Taljieh in Bethlehem etwas für die sportliche Stärkung junger Frauen unternommen. Sie gründete 2004 die erste palästinensische Frauen-Fußballmannschaft, nachdem sie an der Universität u.a. Sport-Management studiert hatte. Die Idee fußballspielender Mädchen stieß in der traditionsgebundenen Gesellschaft ihres Landes natürlich zunächst auch auf Widerstand. Unterstützt von Universitätslehrern, konnte sie den Widerstand überwinden. Dabei half es der jungen Frau nicht nur, dass sie einer christlichen Familie angehört – auch diese können sehr konservativ sein – sondern es half sehr, dass Vater und Muter Vertrauen in ihre Tochter hatten. Heute ist Honey Taljieh Fußballnationalspielerin und Kapitänin der Mannschaft. Frauen-Fußballvereine gibt es jetzt neben dem in Bethlehem noch in verschiedenen anderen Westjordanland-Städten. Gewiss schaffen diese kickenden jungen Frauen neben der eigenen sportlichen Ertüchtigung auch eine mindestens leichte Veränderung des überkommenen Frauenbildes der Gesellschaft.

Ein Umweltbildungszentrum gibt es auf dem Gelände der Talitha Kumi Schule, einer von der evangelisch-lutherischen Kirche getragenen Institution. Das Zentrum ist die führende Einrichtung für Umweltaktivitäten sowie Informationen über Umweltschutz und den sparsamen Umgang mit natürlichen Resourcen. Es betreut Schülergruppen und auch Pädagogen aus ganz Palästina. In der realen Welt des Lebens unter einem Besatzungsregime ist jedoch Umweltschutz zu 90 Prozent rein theoretisch und praktikabel nur im Kleinen. So ziehen Schülerinnen und Schüler Bethlehems und der benachbarten Städte immer mal wieder mit Abfallsäcken durch die Straßen und über öffentliche Plätze, um sich nach dem Abfall zu bücken, den weniger umweltbewusste Zeitgenossen fallen gelassen haben. Bei Jericho konnte ein Botanischer Garten angelegt werden, der vom örtlichen Tourismuskomitees betreut wird. Aber das Projekt Naturreservat Jordantal steht seit sechs Jahren auf dem Papier, ohne dass zur Ausführung irgend etwas geschehen wäre. So wird es auch bleiben, solange Israel glaubt, es müsse seine Sicherheit auch im Jordantal an der offenen Grenze mit dem Königreich Jordanien verteidigen, mit dem es allerdings einen Friedensvertrag hat. Das ganze palästinensische Gebiet im Jordantal ist israelische Militärzone, in der Umweltschutz keine Rolle zu spielen hat. Überhaupt ist dem israelischen Sicherheitsbedürfnis schon sehr viel von der palästinensischen Umwelt zum Opfer gefallen. Hunderttausende von Olivenbäume wurden gerodet, um Platz für die Sperrmauer zu schaffen. Zahlreiche Sicherheitsstraßen wurden quer durch das Land zu entfernt gelegenen israelischen Siedlungen gebaut. Solche Straßen, die von Palästinensern nicht benutzt werden dürfen, haben natürlich weitere Rodungen erfordert und sind auch ohne Rücksicht auf palästinensische Eigentumsansprüche gebaut worden. Die inzwischen auf eine halbe Million angeschwollene israelische Siedlerbevölkerung im Westjordanland und in Ostjerusalem verbraucht das Mehrfache an Wasser, das der palästinensischen Bevölkerung zur Verfügung steht.

Die Welt-Gesundsheits-Organisation der UNO hat vor kurzem in einem Bericht festgestellt, dass die Gesundheids-Versorgung der Palästinenser katastrophal sei. Der Bericht kommt zu der Schlussfolgerung, dass für eine weitreichende Änderung (Zitat) „Nur ein eigener Staat hilft“. Dasselbe darf man für den Natur-, den Umweltschutz sagen. Nur Frieden zwischen Israelis und Palästinensern und ein eigener Staat für die Palästinenser kann helfen.